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Unterabschnitte

4.2 Textverarbeitung

In diesem Abschnitt werden die zwei existierenden Klassen von Textverarbeitungssystemen charakterisiert. Zum einen sind dies die Satzsysteme, die die Satzattribute für die einzelnen Textelemente (das sogenannte Markup) als Steuerzeichen in einem zu interpretierenden oder zu kompilierenden Textfile erwarten, zum anderen sind es die Programme, die den Text nach dem WYSIWYG-Prinzip (What You See Is What You Get) darstellen.

4.2.1 Satzsysteme

In Satzsystemen wird das Markup quasi als Steuerzeichen in den eigentlichen Text integriert. Dies wird auch als pseudoverbale Darstellung bezeichnet [BK94]. Das Markup kann durch syntaktische Vereinbarungen wie beispielsweise einen Escape Character von inhaltlichen Text unterschieden werden. Ein Beispiel für ein solches Satzsystem ist TEX[Knu86] und seine Derivate. Bei der TEX-Auszeichnung $\backslash$footnote{...} etwa besagen die syntaktischen Regeln, daß der Backslash ein TEX-Kommando einleitet, das aus den nachfolgenden Kleinbuchstaben, also ,,footnote``, besteht, und daß das darauf folgende Klammerpaar nicht zum Inhalt, sondern zum Markup gehört und den Fußnotentext begrenzt.

Satzsysteme wie TEX unterscheiden beim Eingeben normalerweise nicht zwischen Markup und inhaltlichem Text, sondern behandeln alle Zeichen gleich. Somit werden Texte meist mit einfachen Texteditoren eingegeben. Dies bedeutet jedoch, daß beim Editieren strukturierte Objekte nicht als Einheit ansprechbar sind, sondern als normale Zeichenketten behandelt werden. Löscht man zum Beispiel versehentlich in der TEX- Anweisung $\backslash$footnote{...} nur die letzte geschweifte Klammer, so kommt man in einen fehlerhaften Zustand, der jedoch erst nach der Formatierung des Textes sichtbar wird und unter Umständen eine langwierige Fehlersuche nach sich ziehen kann. Desweiteren sind die Dokumente in der Regel am Bildschirm nicht gut zu lesen sind, da ihre Darstellungsform sich sehr von den gewohnten Papierausdrucken unterscheidet. Sie kommen jedoch, da sie nur Text darstellen müssen, mit textorientierten Bildschirmen aus, wie sie in UNIX-basierten Umgebungen üblich sind.

In der Art und Weise, wie das in den Text eingefügte Markup zu einem druckfertigen Dokument formatiert wird, können zwei grundlegende Prinzipien unterschieden werden. Zum einen existiert die Möglichkeit, den Eingabetext zu kompilieren, wie dies beim dem Satzsystem TEX der Fall ist. Eine Eingabedatei wird dabei von TEX auf syntaktische und semantische Fehler untersucht, dann wird das Dokument erzeugt und anschließend in eine dvi-Datei übertragen, die das Aussehen einer jeden Seite des Dokuments beschreibt. Die dvi-Datei kann von einem weiteren Programm wie etwa xdvi am Bildschirm eingesehen oder mittels weiterer Programme direkt ausgedruckt werden.

Die zweite Möglichkeit der Formatierung des Eingabetextes ist, die Eingabedatei zur Laufzeit zu interpretieren. Auf diese Weise wird zum Beispiel bei der Darstellung von Dokumenten verfahren, die in HTML (HyperText Markup Language) [Con95b] verfaßt sind, wie dies im World Wide Web [Con95e] der Fall ist. Das Markup in HTML-Dokumenten ist in spitze Klammern < und > eingeschlossen und wird von einem sogenannten Browser interpretiert. So sorgt beispielsweise die Zeichenfolge <H1>Titel</H1> dafür, daß die Zeichenfolge ,,Titel`` als Überschrift ersten Grades interpretiert und am Bildschirm in einer dafür vordefinierten Schriftgröße dargestellt wird. Der größte Vorteil kompilierender Systeme ist die Möglichkeit der Festlegung umfangreicherer Markups wie beispielsweise Vorwärtsreferenzen.

Generelle Vorteile von Satzsystemen sind, daß man nur das grobe Erscheinungsbild des Dokuments sowie den Inhalt vorgibt und das System die aufwendigen Aufgaben des Formatierens übernimmt. Desweiteren haben sich Satzsysteme wie TEX gerade im wissenschaftlichen Bereich durch die vergleichsweise einfache Integration von mathematischen Formeln in Textdokumenten durchgesetzt.

4.2.2 WYSIWYG/Desktop-Publishing

Markup kann weiterhin auch indirekt [BK94], d.h. durch seine Auswirkungen auf die Formatierung am Bildschirm, dargestellt werden. Bei dieser Darstellungsform wird Markup, sobald es vom Benutzer eingegeben ist, sofort vom System interpretiert. Es ist dann nur noch in seiner Auswirkung auf den eigentlichen Text am Bildschirm sichtbar. Systeme, die auf diese Art versuchen, das Dokument dem späteren Ausdruck so ähnlich wie möglich auf dem Bildschirm darzustellen, werden auch als WYSIWYG-Systeme bezeichnet. Ein Beispiel für ein WYSIWYG-System ist Microsoft Word [Cor95]. Möchte man in WinWord eine Zeichenfolge kursiv setzen, so reicht es aus, den Text am Bildschirm zu markieren und danach das Kommando ,,Setze kursiv`` auszuführen. Die markierte Passage wird danach umgehend kursiv gesetzt.

Moderne WYSIWYG-Systeme führen heutzutage auch Aufgaben aus, die früher als Vorteile von Satzsystemen galten. Dazu zählen zum Beispiel

Eine spezielle Form von WYSIWYG-Systemen sind die Desktop-Publishing-Systeme (DTP-Systeme). DTP- Systeme zeichnen sich zusätzlich zu den oben genannten Eigenschaften dadurch aus, daß sie die Plazierung eines Textes innerhalb frei definierbarer Rahmen auf einer Seite des Dokuments erlauben. Dies hat den unter bestimmten Umständen gewünschten Vorteil, daß Text und/oder Grafiken millimetergenau im Dokument gesetzt werden können. DTP-Programme werden daher fast ausschließlich im professionellen Bereich zur Herstellung von Zeitungen, Werbeanzeigen, Broschüren etc. eingesetzt, während im normalen Schriftverkehr WYSIWYG-basierte Textverarbeitungsprogramme ausreichen.


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Dietrich Boles
1998-12-23