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Unterabschnitte

4.1 Typographie

Die Ausführungen in diesem Abschnitt wurden zum Teil 1:1 aus folgenden Buch übernommen: Jürgen Gulbins: Mut zur Typographie. Springer-Verlag.

In diesem Abschnitt werden einige grundlegende Begriffe zur Typographie eingeführt. Zunächst wird auf die grundlegenden Termina der Schrift selbst eingegangen, und im zweiten Teil folgt eine Einführung einiger Begriffe zur Dokumentengestaltung.

4.1.1 Schrift

4.1.1.1 Das Schriftzeichen

Die Maße und Begriffe der Schriftzeichen leiten sich historisch aus dem Bleisatz ab. So wird im Bleisatz mit dem Schriftkegel der Metallkörper bezeichnet, der das zu druckende Zeichen trägt. Im Desktop-Publishing-Bereich (kurz DTP-Bereich) ist mit dem Schriftkegel der gesamte Bereich gemeint, den ein Zeichen einnimmt.

Unter Dickte wird die Breite des Schriftkegels verstanden. Diese ist bei den meisten Druckschriften für die einzelnen Zeichen unterschiedlich. Lediglich in den Schriften, die einer Schreibmaschinenschrift ähneln, haben alle Zeichen die gleiche Dickte. Diese Schriften heißen dicktengleiche Schriften (engl. monospaced fonts). Schriften unterschiedlicher Dickte werden als Proportionalschriften bezeichnet.

Unter dem Fleisch versteht man den freien Raum um das Schriftzeichen. Der schmale Abstand vor und hinter dem Zeichen auf dem Schriftkegel wird als Vorbreite und Nachbreite bezeichnet. Ebenso ist bei den meisten Zeichen oberhalb und unterhalb des Zeichens noch Fleisch vorhanden, um sicherzustellen, daß sich dicht untereinandergesetzte Zeichen nicht berühren. Natürlich ist es im elektronischen Satz möglich, diesen Abstand ganz zu eliminieren. Der Innenraum des Zeichens schließlich wird Punze genannt. Alle Begriffe sind zusammenfassend in Abbildung 4.1 dargestellt.


  
Abbildung 4.1: Das Schriftzeichen
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\centerline{\epsffile{./zeichnungen/txtabb1.dl.eps}}\end{figure}

4.1.1.2 Zeichenmaße

In Abbildung 4.2 sind die wichtigsten Größenbegriffe und Maße einer Schrift dargestellt. Die Schriftlinie oder Grundlinie ist die gedachte Linie, an der die Schrift ausgerichtet ist. Man beachte, daß runde Zeichen geringfügig über diese und die im folgenden beschriebenen Linien hinausragen, um optisch die gleiche Höhe wie ein glatt abschließendes Zeichen zu haben. Man spricht dann von einem Überhang.


  
Abbildung: Zeichenmaße
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\centerline{\epsffile{./zeichnungen/txtabb2.dl.eps}}\end{figure}

Die Mittellänge einer Schrift, auch x-Höhe genannt, gibt die Höhe der Zeichen wie a, c, e, m oder x an. Als Unterlänge bezeichnet man die Strecke, um die Kleinbuchstaben wie z.B. p oder q über die Schriftlinie nach unten ragen. Entsprechend dazu ist die Oberlänge die Strecke, um die Zeichen wie h und l über die Mittellänge nach oben hinausragen. Diese Oberlänge darf die maximale Höhe von Großbuchstaben, welche Versalhöhe genannt wird, geringfügig unter- oder sogar überschreiten. Die Großbuchstaben werden in Analogie zur Versalhöhe als Versalien oder Majuskeln bezeichnet, während man bei Kleinbuchstaben von Gemeinen oder Minuskeln spricht.

Die Höhe des Schriftkegels (historisch Kegelgröße) ist die Schriftgröße bzw. der Schriftgrad, die sich somit aus der Versalhöhe plus der Unterlänge plus - wie in Abbildung 4.2 zu erkennen - einem kleinen Zwischenraum über und unter den Zeichen zusammensetzt.

Der Begriff Schriftstärke oder Fettegrad definiert die Dicke der Strichstärken einzelner Zeichen. Hierfür werden die Bezeichnungen leicht, mager, normal, halbfett, fett und extrafett verwendet. Abbildung 4.3 zeigt dazu exemplarisch drei Schriftstärken der Schrift Futura.


  
Abbildung: Beispiele unterschiedlicher Schriftstärken einer Schrift
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\centerline{\epsffile{./zeichnungen/txtabb3.dl.eps}}\end{figure}

Unter dem Schriftschnitt (engl. font) versteht man die geringfügige Variation einer Schrift, beispielsweise die Änderung der Schriftlage, d.h. der Neigung der Schrift. So ist Times New Roman ein Schriftschnitt der Schrift Times. Der Begriff Schriftfamilie faßt alle Schnitte einer Schrift zusammen. Dazu gehört in der Regel neben der Grundschrift ein kursiver, ein halbfetter und ein fetter Schnitt sowie deren kursive Varianten.

4.1.1.3 Serifen

Die Serifen bei einer Schrift sind die geschwungenen oder rechteckigen Enden der Striche, auch Endstriche genannt. Diese sind in Abbildung 4.4 dargestellt. Schriften, bei denen die Serifen extrem hervortreten, heißen serifenbetonte Schriften.


  
Abbildung: Beispiele für Schriften mit Serifen
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\centerline{\epsffile{./zeichnungen/txtabb4.dl.eps}}\end{figure}

Abbildung 4.5 hingegen zeigt Beispiele für serifenlose Schriften, auch Grotesk-Schriften genannt. Serifenlose Schriften werden oftmals als sehr modern empfunden und finden deshalb zunehmende Verwendung. Dabei sollte jedoch beachtet werden, daß Serifenschriften meist eine erheblich bessere Lesbarkeit implizieren.


  
Abbildung: Beispiele für serifenlose Schriften
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\centerline{\epsffile{./zeichnungen/txtabb5.dl.eps}}\end{figure}

4.1.1.4 Verbesserungen des Schriftbildes

Bei einigen Buchstabenkombinationen ist es sinnvoll, die Qualität des Schriftbildes nachträglich zu verbessern.

Zum einen bietet sich die Möglichkeit, Buchstaben näher aneinanderzustellen, als es ihren Standarddickten entspricht. Man nennt dies Unterschneiden (engl. kerning). Für die meisten Schriften werden vom Hersteller Unterschneidungstabellen für die wichtigsten entsprechenden Buchstabenpaare mitgeliefert. Professionelle DTP-Programme nutzen diese Tabellen, um das Unterschneiden automatisch durchzuführen.


  
Abbildung 4.6: Unterschneiden
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\centerline{\epsffile{./zeichnungen/txtabb6.dl.eps}}\end{figure}

Die zweite Möglichkeit zur Schriftbildverbesserung stellen Ligaturen dar. Unter Ligaturen versteht man das Zusammenfassen von zwei oder drei Zeichen. Typische Ligaturen sind fi, ffi, ff, fl und ffl. Einige Ligaturen sind heutzutage sogar fest zu einem Zeichen verschmolzen, wie beispielsweise das lateinische ,,et`` zum &.

4.1.2 Dokumente

Bei der Gestaltung eines neuen Textdokumentes sollte der Autor grob folgende Reihenfolge in der Vorgehensweise einhalten:

1.
Festlegung des Seitenformats
2.
Definition des Satzspiegels
3.
Festlegen des Gestaltungsrasters und der Textspalten
4.
Festlegen von Text- und Stilelementen
5.
Anlegen des Dokuments und Eingabe des Inhalts
6.
Feinkorrekturen im Umbruch

4.1.2.1 Seitenformat

Der erste Schritt zur Erstellung eines neuen Dokumentes ist die Wahl der Seitengröße. Hier bieten sich zunächst die bekannten Formate DIN A4 oder A5 an. DIN A4 ist für Standardbriefe, Datenblätter und Produktkataloge sicherlich die ideale Wahl, für Bücher oder Gebrauchsanleitungen beispielsweise ist A4 aber zu groß und A5 zu klein [GK92]. Kann man die Seitengröße frei wählen, so sollte aus ästhetischen Gründen ein Breiten- zu Höhenverhältnis gewählt werden, welches größer als 1:1,414 (entspricht der DIN-Serie A) ist. In der Literatur [GK92] werden folgende Werte genannt, die dem Leser als besonders harmonisch erscheinen:

Quadratische Formate sollten aus dem oben genannten Grund nur in Ausnahmefällen verwendet werden.

4.1.2.2 Satzspiegel

Der Satzspiegel oder das Layout bezeichnet die Anordnung der Text- und/oder Grafikbereiche auf einer Seite. Dazu gehören auch die Fußnoten und mögliche Kopf- oder Fußzeilen, die sog. Kolumnentitel. Weitere Elemente, die aber nicht zum Satzspiegel gezählt werden, sind die Seitenziffer (Pagina) und die eventuell vorhandene Randspalte (Marginalspalte oder Marginalien), die Kommentare oder Anmerkungen zum Text beinhaltet.

Der Satzspiegel wird von vier Randbereichen eingerahmt, die in Abbildung 4.7 illustriert sind.


  
Abbildung 4.7: symmetrisches, doppelseitiges Layout
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\centerline{\epsffile{./zeichnungen/txtabb7.dl.eps}}\end{figure}

Für die Breite der dargestellten Stege sollte man in klassischen Dokumenten folgende Grundregel nicht verletzen:

Innensteg < Kopfsteg < Außensteg < Fußsteg
Ein ästhetisch ansprechender Satzspiegel ergibt sich, wenn man die Stege im Verhältnis 2:3:4:5 aufteilt. Dabei sollte der Satzspiegel zwei Drittel und die Stege ein Drittel der Seitenbreite einnehmen [GK92].

4.1.2.3 Gestaltungsraster

Im Anschluß an die Definition des Satzspiegels sollte überlegt werden, wie die Informationseinheiten wie Textspalten und Abbildungen innerhalb des Satzspiegels anzuordnen sind. Das dafür festzulegende Schema nennt man Gestaltungsraster.

Dazu sollten zunächst Überlegungen zur Aufteilung des Textes in Spalten getroffen werden. Beim Lesevorgang wird der Satz durch den Leser in Blöcken von jeweils 2 bis 3 Worten erfaßt. Erst im zweiten Schritt wird diese Information in Worte zerlegt. Ist ein Wort unbekannt, zu lang oder durch das Schriftbild verfremdet, so wird zeichenweise gelesen. Dies reduziert jedoch die Lesegeschwindigkeit und ermüdet schnell. Gleiches gilt für den Wortabstand; ist dieser zu klein oder zu groß oder die Spaltenbreite zu schmal oder zu breit, so bereitet die Unterteilung des Textes in Worte Probleme und das Auge erfaßt beim Lesevorgang weniger Text als möglich. Eine Einteilung des Textes in mehrere Spalten kann also bei geeigneter Wahl der Spaltenbreite die Lesbarkeit des Textes stark erhöhen. Eine optimal gestaltete Textspalte sollte daher in etwa 45 bis 65 Zeichen der verwendeten Schrift aufnehmen können.

Weiterhin sollte auch der Abstand zwischen zwei Spalten angemessen gewählt werden, da das Auge bei zu geringem Abstand leicht in die nächste Spalte wandert und bei zu großem Abstand der Eindruck entsteht, daß die Spalten auseinanderfallen. Ein adäquater Abstand stellt in etwa die Breite der Zeichenfolge ,,mi`` dar [GK92].

4.1.2.4 Text- und Stilelemente

Die Schriftgröße der Grundschrift bzw. Werkschrift oder Brotschrift eines Dokumentes ist auf die Intention des Dokumentes, der Menge der Zeichen pro Zeile, den Inhalt und den Leserkreis abzustimmen. Ein Dokument für Erwachsene mit normalem Zeilenabstand sollte einen Schriftgrad zwischen 8 und 12 Punkten verwenden. Für Kinder sind Schriftarten mit Größen zwischen 11 und 14 Punkten empfehlenswert.

Auf Overheadfolien sind für die Grundschrift mindestens 14, besser noch 16 und für Schlagworte sogar 18 Punkte zu setzen. Auf Vortragsfolien sollten dabei niemals mehr als 12 Zeilen pro Folie gezeigt werden. Ein gutes Maß sind hier eher 4 bis 7 Stichworte oder Kurzaussagen, da dies der Erinnerungsfähigkeit des Menschen entgegenkommt.

Für Informationen, die aus größerer Entfernung aufgenommen werden sollen, müssen selbstverständlich größere Schriftgrade, sogenannte Schaugrößen bzw. Plakatschriften gewählt werden. Diese sind je nach Verwendung zu bestimmen, in jedem Fall aber größer als 12 Punkte zu wählen.

Als Konsultationsschrift bezeichnet man den Schriftgrad, in den Anmerkungen, Hinweise und Fußnoten gesetzt werden. Diese sind in der Regel recht kurz und gehören nicht zum eigentlichen Lesefluß, weshalb sie anderen Größenanforderungen unterliegen. Schriftgrößen zwischen 6 und 10 Punkten stellen hier optimale Werte dar.

Für Überschriften gibt es zwei Alternativen, die Hierarchiestufen optisch hervorzuheben. Zum einen kann man für jede Stufe einen eigenen Schriftgrad verwenden. Hier ergibt sich eine Abstufung 24 Punkt fett - 18 Punkt fett - 14 Punkt fett - 12 Punkt fett - 10 Punkt. Die letzte Angabe bezeichnet hier die Grundschrift. Die Alternative besteht darin, nur zwei Schriftgrade zu verwenden. Die daraus resultierende Abstufung ist beispielsweise 14 Punkt fett - 10 Punkt fett - 10 Punkt fett und kursiv - 10 Punkt kursiv - 10 Punkt normal. Der Abstand oberhalb und unterhalb einer Überschrift sollte so groß gewählt werden, daß die Überschrift optisch aus dem Fließtext heraussticht. Häufig ist Leerraum (in umfangreichen Dokumenten sogar zwischen 4 und 10 Leerzeilen nach der Überschrift) sinnvoller zur Gliederung als die Verwendung mehrerer unterschiedlicher Schriftgrade.

Als letztes Stilelement eines Textes ist die Absatzuntergliederung sehr wichtig. Absätze sind eigenständige Informationseinheiten. Sie sollten weder zu groß noch zu klein gewählt werden, wobei eine typische Absatzlänge etwa 5 bis 15 Zeilen umfaßt [GK92]. Die erste Zeile eines Absatzes hat in der Regel einen Einzug, um einen neuen Absatz für das Auge des Lesers leichter erkennbar zu machen. Die Absatzausrichtung schließlich gibt an, wie der Text innerhalb einer Spalte ausgerichtet wird:


  
Abbildung: Beispiele für Absatzausrichtungen
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\centerline{\epsffile{./zeichnungen/txtabb8.dl.eps}}\end{figure}

Für die Verwendung der Absatzausrichtungen gelten folgende Richtlinien:

Durch den automatischen Absatzumbruch können sogenannte Hurenkinder, d.h. die letzte Zeile eines Absatzes, die am Anfang einer neuen Spalte oder Seite erscheint, oder Schusterjungen, die erste Zeile eines Absatzes am Ende einer Spalte oder Seite, entstehen. Diese beiden Situationen sollten selbstverständlich durch eine manuelle Nachkorrektur des Textes beseitigt werden.


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Dietrich Boles
1998-12-23